Christiane Tietz: Nietzsche

Wenn man so will ist Friedrich Nietzsche eher eine Diagnose als ein Denker, dem sich ein klares philosophisches Profil zuordnen lässt. Den Willen zur Macht, mit dem er zum Vordenker der Nazis geworden ist, hat ihm seine unselige Schwester Elisabeth untergejubelt. Mit seinem berühmten Satz „Gott ist tot“ wurde er Vorbild aller (Interims-)Atheisten von Martin Heidegger bis Nina Hagen.

 

Aber wie das so ist, wenn man Gott für tot erklärt – irgendwann muss Gott dann ja auch gelebt haben. Und an diesem Problem hat sich Nietzsche sein Leben lang abgearbeitet. Jedes Jahr feiert er begeistert Weihnachten. Seine Wunschzettel für die Bescherung verschickt er Wochen vor dem Fest. Und es ist die Weihnachtszeit als sein geistig bewusstes Leben endet. Am 3. Januar 1889 umarmt er in Turin weinend ein Pferd. Die sogenannten Wahnsinnszettel, die er in diesen Tagen verschickt, unterzeichnet er mit „Der Gekreuzigte“ und schreibt seinem früheren Baseler Professoren-Kollegen Jacob Burckhardt: „Zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott; aber ich habe es nicht gewagt, meinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um seinetwegen die Schaffung der Welt zu unterlassen.“

 

Das Verhältnis von Nietzsche und Gott ist also einigermaßen komplex. Die Theologin Christiane Tietz, seit 2025 Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau sowie Professorin an der Uni Mainz, zeichnet in ihrem Buch „Nietzsche“ diese lebenslange Beziehung nach.

 

Geboren wird Nietzsche 1844 als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Röcken, heute Sachsen-Anhalt. Der Vater und ein jüngerer Bruder sterben, als Nietzsche fünf Jahre alt ist. Diese beiden Tode sind die zentrale Bruchstelle für Nietzsches Verhältnis zu Gott. Zunächst will er noch auf den Spuren des Vaters Pfarrer werden, er dichtet Kirchenlieder und wird ob seines gravitätischen Betragens schon als Kind „der kleine Pfarrer“ genannt. Nietzsche beginnt in Bonn auch noch ein Studium der Theologie. Aber die Theodizee-Frage, welche Verantwortung Gott für das Böse hat, treibt ihn um. Nietzsche kann und will Gott nicht aus der Verantwortung lassen. Im Laufe der Jahre und beeinflusst durch Arthur Schopenhauer und Richard Wagner werden seine Gedanken immer radikaler. Am Ende bleibt im Gedanken der ewigen Wiederkehr des Gleichen nur noch die unbedingte Bejahung des Lebens über.

 

Christiane Tietz zeichnet nach, wie Nietzsche sich ein Leben lang an den intellektuellen Herausforderungen des Glaubens abarbeitet. Sie folgt dabei den Spuren seines Lebens, sodass unter der Hand auch eine Biografie entsteht. Zur Frage nach dem Verhältnis von Nietzsche und dem Christentum bietet ihr Buch nichts wirklich Neues. Auch ihre Kritik an Nietzsches Verachtung von Schwäche und Nächstenliebe findet man bereits in anderen Büchern. Aber Christiane Tietz hat eine gut zu lesende und lesenswerte Einführung in Nietzsches Denken geschrieben, deren Reiz darin liegt, dass sie sich Nietzsche über die Gottesfrage nähert, die ihn sein Leben lang getrieben und umgetrieben hat.

 

Christiane Tietz: Nietzsche. Leben und Denken im Bann des Christentums, Verlag C. H. Beck, München 2025

 

 

Udo

 

Kommentare: 0