Es gibt Bücher, die werden besonders dadurch zugänglich, dass man den Ort kennt, an dem sie entstanden sind. So ergeht es mir mit dem kleinen „Pocket commentary for daily Living“ zu den „Yoga Sutras of Patañjali“. Im Februar 2026 haben Udo und ich einige Wochen im Saccidananda Ashram Shantivanam in Südindien verbracht. Wir haben den klösterlichen Alltag mitgelebt, haben mit Fr. Dorathick Rajan OSB (Carm), den Mönchen und den Gästen gebetet, meditiert, Yoga praktiziert, gesprochen und reflektiert. Wir haben erlebt, wie selbstverständlich christliche Kontemplation und die Begegnung mit der indischen Spiritualität dort zusammengehen. Das ist der Hintergrund, vor dem ich auch dieses Buch lese.
Fr. Dorathick Rajan ist Benediktinermönch der Kamaldulenser-Tradition (OSB Cam.) und Prior des Ashram Shantivanam in Tamil Nadu. Der christliche Klosterashram wurde von Jules Monchanin und Henri Le Saux gegründet und später durch Bede Griffiths weltweit bekannt. Shantivanam gehört zu den bedeutendsten Orten des Dialogs zwischen christlicher Kontemplation und indischer Spiritualität. In dieser Tradition lebt und arbeitet Fr. Dorathick. Seine Ausbildung in Psychologie, seine intensive Beschäftigung mit dem Yoga und seine Erfahrung als geistlicher Begleiter verleihen seinem Kommentar eine besondere Tiefe.
Fr. Dorathicks Buch ist kein wissenschaftliches Werk; es ist auch keine Einführung in die Geschichte das Yoga. Es ist, was der Untertitel aussagt: Ein Taschenkommentar für das tägliche Leben, ein Begleiter für den Alltag. Sein Aufbau ist im besten Sinne einfach und überzeugend. Jedes der 196 Sutras, der knappen Lehrsätze über Yoga und den Geist, über den Weg zur inneren Ruhe und zur Selbsterkenntnis folgt demselben Schema. Zunächst findet man den Sanskrit-Text. Im Anschluss daran eine klare englische Übersetzung. Darauf folgt ein kurzer Kommentar, durch den der Sinn des Lehrsatzes erschlossen wird. Die Erläuterungen sind klar, verständlich und frei von esoterischer Überhöhung. Immer wieder gelingt es ihm, die existentielle Kraft der Sutras freizulegen, ohne sie zu vereinfachen. Und schließlich ein Absatz, in dem gefragt wird: Was bedeutet das für mein Leben heute? Rajan bleibt eben nicht bei der Erklärung eines Textes stehen, sondern er geht damit in die konkrete Lebenswirklichkeit hinein. Für mich macht gerade dieser letzte Teil Fr. Dorathicks Buch besonders wertvoll.
Aus einem Sutra über den Irrtum bzw. falsches Wissen wird die Einladung, sich bei Verletzungen zu fragen: Was, wenn ich die Situation gerade missverstehe? Gefolgt von dem Rat: Schaffe Raum, bevor du reagierst. (Vers 1,8)
Bei einem anderen Sutra über tief verankerte Verhaltensmuster wird der Impuls, solchen Gewohnheiten mit Geduld und nicht mit Frustration zu begegnen, da Veränderung nicht geschieht, indem man die eigene Geschichte bekämpft, sondern indem man sie versteht. (Vers 4.10) Solche Anregungen sind schlicht formuliert, gehen einem aber gerade dadurch nach.
Beim Lesen versteht man, warum die Yoga-Sutras des Patañjali seit fast 2 Jahrtausenden nichts an Aktualität verloren haben. Sie sind nicht einfach nur eine Sammlung von Lehrsätzen in einem Lehrbuch. In den 196 Sutras beschreibt Patañjali die Natur des menschlichen Geistes, die Urgründe des Leidens und die Macht, die unsere Gewohnheiten und inneren Prägungen über uns haben. Die eigentliche Frage Patañjalis ist: Wie können wir Menschen zu innerer Klarheit gelangen? Damit werden Themen berührt, die unser Leben grundsätzlich bestimmen: gestern, heute und morgen. Wie z.B. fehlende Konzentration und Zerstreuung, Ego, Angst, Bindungen oder die tiefe Sehnsucht nach einem Leben, das gelingt. Fr. Dorathicks Kommentar hilft, die alten Texte von Patañjali nicht einfach nur zu verstehen, sondern sich in sie einzuüben. So lädt er auch ein, das Buch nicht von der ersten bis zur letzten Seite durchzulesen. Er empfiehlt, täglich ein oder zwei Sutras zu lesen, den kurzen Kommentar dazu zunehmen und die Anregungen für den Alltag mitzunehmen in den Tag. So kann es seinen Charakter entfalten und eine persönliche, geistliche Praxis begleiten.
Wer die Yoga-Sutras als Schule der Weisheit für den Alltag entdecken möchte, der findet hier einen exzellenten Begleiter, und zwar geschrieben aus der Erfahrung eines Mönchs und Yogis, der seit vielen Jahren an einem der bedeutendsten Orte des christlich-indischen Dialogs lebt. Klare Leseempfehlung! Zu beachten: Das Buch muss in Deutschland bezogen werden über Amazon.
Fr. Dorathick Rajan OSB Cam: The Yoga Sutras of Patañjali. A Pocket Commentary for Daily Living. Saccidananda Ashram, 2026.
Sabine