Peter Schmitt: Postdigital

Der Musiker und Philosoph Peter Schmitt beginnt seinen Essay „Postdigital“ mit einem frapierenden Zitat des amerikanischen Sozialwissenschaftlers Brian Jeffrey Fogg, der das Persuasive Technology Lab der Stanford University leitet: „A movement to be post-digital will emerge in 2020. We will start to realize that being chained to your mobile phone is a low-status behavior, similar to smoking.”

 

Als ich den Satz las, musste ich an die vielen Eltern denken, denen ich beim Spazierengehen begegne. Während sich ihr Kind irgendwie selbst beschäftigt, starren Vater oder Mutter mit gebeugtem Kopf (head down) auf ihr Smartphone, statt sich mit dem Nachwuchs zu beschäftigen oder mit ihm zu reden. Das ist ein wenig wie rauchende Eltern früher im Auto, während die Kleinen auf dem Rücksitz saßen.

 

Auch das Titelbild von Schmitts Essay legt nahe, dass die „Head Downs“ bald am Ende sind. Auf dem Buchcover werden sie mit einem Fließband kurzerhand entsorgt. Selbst während sie in die Tiefe fallen, starren sie noch auf ihr Handy. Die Frage, mit der ich die Lektüre also begonnen habe, war: Wie wird die postdigitale Bewegung aussehen? Wie kommen wir los von unseren Smartphones, Tablets und Computern. Wie gestalten wir unsere Beziehung zu Internet und Sozialen Medien neu? Kann man mit Facebook und Instagram leben, ohne ständig ein Gerät in der Hand zu haben. Und was machen wir eigentlich mit der freien Zeit, die wir dadurch bekommen? Lesen wir wieder Bücher oder Zeitungen? Ganz analog und aus Papier?

 

Um es gleich zu sagen: Peter Schmitt antwortet auf diese weiterführenden Fragen leider nicht. Sein Buch bleibt praktisch einen Schritt davor stehen, indem es eine brillante Medienkritik liefert, die wirklich auf der Höhe der Zeit ist.

 

So schreibt er unter anderem über Fake News, deren Wahrheit meist mit dem Satz begründet wird: Das habe ich im Internet gelesen. Das Internet aber hat eine neue Generation von „Nachrichten“ aufkommen lassen. Während wir bei Zeitungen und seriösen Medien jeweils Herkunft und Quellen von Nachrichten prüfen können, sind viele „Nachrichten“ im Internet schlicht herkunftslos. Sie wurden geteilt und geliked, so dass niemand mehr ernsthaft nachprüfen kann, woher sie stammen. Diese Herkunftslosigkeit machen Fake News erst möglich. Und ich meine mit Fake News hier ausdrücklich die sogenannten Informationen von Querdenkern und Verschwörungstheoretikern. Ich meine nicht unbequeme Nachrichten und Fakten, die eben weil sie unbequem sind gern als Fake bezeichnet werden. Klimawandel ist eine solche Tatsache, die gern als Fake bezeichnet wird, weil sie unbequem ist.

 

Dabei entwickeln Fake News gerade in den Sozialen Medien wie Facebook eine erstaunliche Wucht, weil sie von einem Algorithmus verbreitet werden, der darauf programmiert ist, dass der Anwender sich wohl fühlt, indem ihm nur Posts geliefert werden, die lediglich das bestätigen und verstärken, was er ohnehin für das Wahre, Schöne, Gute hält. Wer nur noch Nachrichten bekommt, dass man von Impfstoffen gegen das Coronavirus unfruchtbar wird, weil man Texte dazu bevorzugt gelesen und geliked hat, wird solange mit ähnlichen Posts versorgt, dass man sich nur noch schwerlich vom Gegenteil überzeugen lassen wird.

 

Mit der Frage nach der Wahrheit, so Schmitt, „ist das Nervensystem der Philosophie freigelegt“ (S.70). Denn was ist Wahrheit, wenn sie von Algorithmen abhängt? Davon, was Google findet, was überhaupt im Netz verfügbar ist und welche Vorlieben ich habe? Es ist Schmitts Verdienst, diese Frage überhaupt zu stellen, die in der Gegenwartsphilosophie eher ein Nischendasein fristet. Weil das so ist, muss Schmitt sich immer wieder auf Denker wie Günter Anders oder Adorno beziehen, deren – im weitesten Sinne – Technikphilosophie ja aus der Mitte des letzten Jahrhunderts stammt. Man könnte sich hier auch noch durchaus auf Heidegger berufen, auch wenn dessen Gestell auf anderem Blut und Boden gewachsen ist. Es ist jedenfalls erstaunlich, wie weitsichtig vor allem Günter Anders mit „Die Antiquiertheit des Menschen“ war.

 

Antiquiert sind wir Menschen vor unseren Smartphones allemal. Wir haben praktisch keine Ahnung, wie ein solches Gerät funktioniert. Wir werden lediglich als „Anwender“ betrachtet, nicht als autonome oder gar aufgeklärte Individuen. Die einzelnen Apps steuern unsere Handlungen. Jeder bedient sie gleich, auch wenn man sich dabei höchst individuell fühlen mag. Eine App ist dann gut, wenn sie problemlos funktioniert und intuitiv bedienbar ist. Es ist ganz ähnlich wie mit den Inhalten. Nichts soll stören, in Unruhe versetzen. Die Geräte sollen reibungslos funktionieren. Was nichts anderes heißt, als dass wir so gelenkt werden, wie die Maschinen es brauchen. Hier stellen sich dann auch ethische Fragen: Was machen diese Maschinen mit dem Menschen?

 

Besonders erhellend finde ich persönlich Schmitts Ausführungen zum Thema Musik im digitalen Raum. Die ständige Verfügbarkeit praktisch jedes Musikstücks hat eine völlige Entwertung der einzelnen Komposition zur Folge. Musik wird fragmentiert und nebenbei gehört. Das geht weit über Walter Benjamins Frage nach dem Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit hinaus. Wir sind bei der völligen Verfügbarkeit von Musik. War ursprünglich z. B. Beethovens Neunte nur im Konzertsaal zu hören, kann ich sie jetzt beim Grillen auf dem Campingplatz „hören“. Die Frage ist, was macht das mit den Zuhörenden? Und was macht das mit der Neunten?

 

Es ist verdienstvoll, dass Schmitt auch noch das Thema Corona und Digitalisierung mitaufgenommen hat. Allerdings sind das die eher schwächeren Passagen des Buches. Das Thema Microsoft 365 und Covid-19 in der Schule etwa stimmt in weiten Teilen nicht mit der schulischen Wirklichkeit überein, da viele Schulen Microsoft Teams als Lernplattform ablehnen, da das Programm nicht datenschutzkonform ist.

 

Bleibt die Frage, wie eine digitale Welt aussehen könnte, die uns nicht mehr zu Head Downs macht, in der wir wieder miteinander sprechen, statt zu whatsappen. In der es uns um Wahrheit und Wirklichkeit geht. Um dahin zu kommen, ist Peter Schmitts höchst lesenswerter Essay, der die digitale Welt kompetent analysiert, ein wichtiger erster Schritt, der das Postdigitale noch nicht beschreiben kann, aber immerhin als Richtung vorgibt.

 

Peter Schmitt, Postdigital. Medienkritik im 21. Jahrhundert, Felix Meiner Verlag Hamburg 2021

 

Udo

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