Peter Sloterdijk: Der Fürst und seine Erben

Peter Sloterdijks neues Buch setzt sich mit einem Phänomen auseinander, das uns tagtäglich in den Nachrichten zu verfolgen scheint: dem Unsinn, den einige wenige alte weiße Männer gerade veranstalten. Die Rede ist von Vladimir Putin und Donald Trump vor allem, aber auch von Xi Jinping, Narendra Modi oder Recep Tayyip Erdogan. Sloterdijk nennt sie alle gleich auf der ersten Seite seines Buches. „Die bloße Tatsache ihrer zeitweilig synchronen Präsenz auf der Weltbühne bedeutet einen Skandal für all jene, die überzeugt waren, moderne Gesellschaften seien lernende Systeme, die irgendwann aus dem imperialistischen Trotzalter herauswachsen sollten.“ (S. 9)

Wie sind wir in diesen Schlamassel geraten, fragt man sich angesichts der täglichen Katastrophenmeldungen. Und wenn man Sloterdijks neues Buch in die Hand nimmt, hat man Hoffnung, auf eine Antwort. Das KI-generierte Titelbild zeigt Donald Trump im Stil eines Renaissance-Fürsten, Halbporträt vor Landschaft, gemalt im Stil Hans Holbeins des Jüngeren oder von Albrecht Dürer. Damit ist ein entscheidender Hinweis für Sloterdijks These in „Der Fürst und seine Erben“ gegeben. Er versteht Figuren wie Trump als Herrscher im Sinne des aus Florenz stammenden Niccolò Machiavellis (1469 – 1527). Tatsächlich nimmt Sloterdijk Machiavellis berühmten Text „Il Principe“ (Der Fürst) aus dem Jahr 1513 als eine Art Blaupause für das Verständnis der gegenwärtigen politischen Phänomene.

Ist Trump also ein moderner „Principe“ im Sinne Machiavellis? Hat er sich Machiavelli zum Vorbild genommen? Berühmte Sätze aus „Il Principe“ legen das immerhin nahe:

„Ein kluger Herrscher sollte die Menschen entweder liebkosen oder vernichten.“

„Es ist viel sicherer gefürchtet als beliebt zu werden, wenn man nicht beides sein kann.“

Dazu kommen Gedanken, die mehr oder minder direkt auf den Florentiner zurückgehen. Der Zweck heiligt die Mittel. Schein ist wichtiger als Sein. Ein kluger Herrscher kann sein Wort brechen. All das würde natürlich voraussetzen, dass Trump Machiavelli entweder kennen würde oder sogar gelesen hätte, was sehr unwahrscheinlich ist. Worum es Sloterdijk geht, ist Machiavellis Gedanke, dass in der Politik die Macht über der Moral steht. Diese Analyse ist vor dem Hintergrund der derzeitigen Despoten naheliegend, allerdings nichts wirklich Neues. Bei seiner Machiavelli-Interpretation übersieht Sloterdijk zudem, dass „Il Principe“ nicht der einzige Text des Florentiners zur politischen Philosophie ist. Im "Discorsi" spricht er sich für eine republikanische Herrschaftsform aus, es geht also in eine ganz andere Richtung als „Il Principe“.

Nun kann man Sloterdijk vorwerfen, dass er Machiavelli falsch interpretiert. Aber das ist nicht der Punkt. Das eigentliche Problem besteht darin, dass man auch nach 170 Seiten immer noch nicht wirklich weiß, wie es kommt, dass wir in einer Zeit leben, die Figuren wie Trump und Putin (wieder) möglich macht.

Sloterdijk unterscheidet zwischen horizontaler und vertikaler Macht. Horizontale Macht kann man im weitesten Sinne als Machtausübung in demokratischen Systemen verstehen, Macht verteilt auf die Schultern der Wählerinnen und Wähler. Vertikale Machtsysteme dagegen sind Herrschaftssystem wie Autokratie, Monarchie, Diktatur; Systeme, in denen von oben nach unten reagiert wird. Sloterdijk geht davon aus, dass die vertikale Macht „verwildert“ ist, wie er das nennt. Konkret bedeutet das, dass sich die Leute oben nicht mehr um das Wohl der Leute unten scheren, sondern sich nur noch selbst bedienen.

Aber woher kommt diese Verwilderung? Warum ändert Macht überhaupt die Ausrichtung von der Horizontale in die Vertikale? Ausführlich erzählt Sloterdijk vom Niedergang nach dem großen Aufbruch der Französischen Revolution. Und ja, man staunt bis heute, dass die Losung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit den bejubelten Krönungen diverser Napoleons wegradiert scheint.

Eine Antwort darauf finde ich in „Der Fürst und seine Erben“ nicht. Vielleicht muss man sich auf der Suche nach einer Antwort zunächst einmal klar machen, dass Demokratie weltweit nicht der Normalzustand, sondern die Ausnahme ist. Lautet Democracy Index von The Economist leben nur etwa 45 % der Weltbevölkerung in Demokratien - und davon wiederum nur 15 % in wirklich vollständigen und freien Demokratien. Ein anderer Punkt ist, dass Demokratien in einer zunehmend komplexen und komplizierten Welt immer mühsamer werden und sich deshalb schwierig anfühlen. Einfache Antworten gibt es in einer Demokratie, die versucht, sich in einer globalen Welt zu behaupten, nicht. Das Aushandeln von Kompromissen wird immer mühseliger. All das dürfte am Ende die Sehnsucht nach starken Herrschenden befördern.

Manches davon liest man durchaus im neuen Sloterdijk. Es ist ein Vergnügen, Sloterdijk zu lesen. Er ist ungemein belesen. Seine Assoziationen sind gewagt, oft voller Humor und Ironie. Das Problem ist nur, dass die Frage seines Buches, wie wir an Politikerdarsteller wie Trump geraten sind, letztendlich unbeantwortet bleibt. Angesichts der allgemeinen Ratlosigkeit, wie man mit den Fürsten des 21. Jahrhunderts umgehen soll, darf man sich darüber aber auch nicht wundern.

 

Peter Sloterdijk: Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute; Suhrkamp Verlag Berlin 2026

Udo

Kommentare: 1
  • #1

    [email protected] (Freitag, 20 März 2026 11:12)

    Lieber Udo,
    Danke für diese ausführlich kritische Rezension. Ich suchte bei Sloterdijk etwas zum Thema "Bewunderung", fand aber nichts. Es gibt heute wie in der Renaissance sehr viele Bewunderer der großen Männer und ihrer Machtgeflechte, nämlich dass sie tun was sie sagen. Unter diesen Bewunderern und Bewunderinnen sind große und kleine gewöhnliche Leute. Kennst Du außer Kant und Hume, Bonfranchi noch andere Philosoph:innen, die sich mit dem Thema Bewunderung auseinandergesetzt haben? Liebe Grüße, Gundula