„Was ist Wahrheit?“ Die Frage, die Pilatus an Jesus richtet, ist heute dringender denn je. Gibt es Wahrheit überhaupt noch? Verwechseln wir sie nicht schon lange mit unserer Meinung? Wer sich in den Sozialen Medien umschaut, wo Personen, die keinen fehlerfreien Satz schreiben können, sich über Probleme auslassen, die eigentlich nur von Spezialisten zu beantworten sind, mag da zweifeln. Noch größer werden die Zweifel, wenn die Rede eines US-Präsidenten vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen voller Falschbehauptungen und Lügen ist, dieser Präsident aber zugleich alles als „fake news“ abtut, was nicht in sein Weltbild passt.
Die Wahrheit, so scheint es, hat ausgedient. Jeder kann praktisch jeden Unsinn veröffentlichen und als wahr hinstellen. Die Folge davon ist eine Gesellschaft, die sich immer weiter zu spalten scheint. Das Vertrauen in Politik und Medien schwindet. Überall tauchen Unheilspropheten auf, die lauthals behaupten, so schlimm wie jetzt, sei es noch nie gewesen. Früher sei alles besser gewesen. Die Zukunft, so wollen sie uns weismachen, liegt in der Vergangenheit.
In dieser Situation ist das Buch „Ruinen der Wahrheit“ des niederländischen Philosophen und Journalisten Rob Wijnberg eine Wohltat. Wijnberg erzählt unsere historische und philosophische Geschichte der Wahrheit, an deren Ende der Wahrheitsskeptizismus steht, den wir gerade erleben. Zugleich entwirft er ein neues Narrativ, in dem wirtschaftlicher, technologischer und gesellschaftlicher Fortschritt auf Wahrheit als einer verbindenden Macht beruht, die wir alle teilen.
Wijnberg beginnt seine Geschichte der Wahrheit mit einem Paradoxon. Auf der einen Seite leben immer mehr Menschen immer länger in immer größerem Wohlstand auf der Welt. Allein in den letzten 40 Jahren hat der Mensch weltweit „mehr materiellen Wohlstand geschaffen als in der gesamten Zeit davor zusammengerechnet“ (S. 14). In den letzten beiden Jahrhunderten hat sich die Lebenserwartung jedes einzelnen Menschen mehr als verdoppelt. Zugleich hat die Umwelt darunter extrem gelitten. Der C02 Ausstoß ist größer als je zuvor. Die Temperaturen weltweit steigen immer mehr, der Regenwald schrumpft, die Meere versauern. Das nennt man Klimawandel. Er existiert, auch wenn manche Politiker anderer Meinung sind.
Das Fatale ist, dass beide Phänomene eng miteinander verbunden sind. Seit etwa Mitte des 20. Jahrhundert haben Öl und Gas als primäre Energiequellen die Kohle verdrängt. Diese neuen Energieressourcen, die wie ein Topf voller Gold unter der Erde lagern, haben den rasanten Aufschwung der letzten 70 Jahre möglich gemacht. Aber sie sind auch für das ständige Ansteigen der Temperaturen verantwortlich.
Wijnberg zieht nun Verbindungslinien zwischen unserem Verhältnis zur Wahrheit, unserem Bild vom Menschen und unseren primären Energiequellen. Das mag abenteuerlich klingen, aber schauen wir uns das an einem Punkt an:
Wijnberg fragt u. a. nach der Herkunft von Wahrheit. In der Antike (400 v. Chr. – 1600 n. Chr.) kommt sie aus etwas Höherem, Metaphysischen: etwa der Idee des Guten bei Platon oder Gott in den Religionen. In der modernen Zeit (1600 – 1950) beruht die Wahrheit auf der Natur, zu denken ist hier an die Naturwissenschaften in der Folge von Isaac Newtons Physik. In der Postmoderne (ab 1950) entstammt die Wahrheit unserem Bewusstsein, unserer Sprache, unseren Konventionen und Machtverhältnissen. Wahrheit wird zunehmend individuell und jeder hat seine eigene Wahrheitsauffassung. Der Existenzialismus liefert dazu die passende philosophische Theorie.
Im Augenblick befinden wir uns laut Wijnberg in der postmodernen Konsumzeit, die etwa 1980 begonnen hat. Die Wahrheit kommt jetzt von Screens, Algorithmen und Daten. Sie ist zu einem Konsumgut geworden und stark medialisiert. Und genau hier setzt die Spaltung unserer Gesellschaft ein. Denn Medien sind gewinnorientiert. Sie setzen auf das, was Auflage bringt, Zuschauerzahlen und Klicks steigert. Und das sind in der Regel schlechte Nachrichten. Wir Menschen schenken nämlich schlechten Nachrichten aus evolutionären Gründen mehr Aufmerksamkeit als guten Nachrichten. „Achtung, Löwe!“ dient dem Überleben. „Achtung, Blume!“ eher nicht. Das Phänomen nennt sich Negativitätsbias.
Man kann gegen Wijnbergs historische Analyse im Detail viel einwenden, aber insgesamt bleibt sie schlüssig. Die Frage ist nur: Das erklärt zwar den Jetzt-Zustand, aber wie geht es weiter? Wijnberg schlägt hier ein neues Narrativ vor, das eine neue Geschichte des Fortschritts erzählt, statt der Früher-war-alles-besser-Erzählung. Dieses neue Narrativ weiß von der Geschichte des Fortschritts als Geschichte des Miteinanders.
Wir Menschen haben uns nämlich nicht weiterentwickelt, weil wir uns ständig die Köpfe eingeschlagen, sondern weil wir miteinander gearbeitet haben. Die Anthropologin Margaret Mead hat das Fossil eines geheilten Knochens als Beginn der Zivilisation betrachtet. Dieser gebrochene Knochen wäre eigentlich ein Todesurteil gewesen, wenn die Artgenossen nicht geholfen hätten. Dieser Empathie, dieser Hilfsbereitschaft verdenken wir unseren Erfolg. Der Mensch ist dem Menschen kein Wolf, wie es u. a. Thomas Hobbes schreibt. Im Gegenteil: Wir helfen einander, unterstützen uns, kümmern uns. Das beste Beispiel dafür ist ein Baby. Es ist völlig hilflos und davon abhängig, dass es versorgt wird. Diese Abhängigkeit ist der Grund für unseren tief verwurzelten Instinkt, anderen zu helfen. Geht es nach Wijnberg, ist das Anthropozän ein gutes Zeitalter, in dem wir alle gemeinsam an unseren Problemen arbeiten. Und die Wahrheit ist darin ein Gewebe, dessen Fäden wir alle gemeinsam spinnen.
„Wahrheit ist keine Hoffnung keine Tatsache und keine Funktion – und gewiss nichts, was man sich selbst zu eigen machen kann. Wahrheit ist ein Gewebe. Ein Netz von zusammenarbeitenden Arten, verbunden durch das Bewusstsein sichtbarer und unsichtbarer Abhängigkeiten. Fortschritt ist eine Geschichte mit unzähligen Protagonisten, die gemeinsam etwas erreichen können, was die Vorstellungskraft eines jeden übersteigt. Eine Geschichte von neuen Energien aus den ältesten Quellen und neuen Bergen mit anderen Gipfeln. Eine Geschichte von einem Potenzial, das so groß ist wie das Vertrauen, das wir einander entgegenbringen. Eine Geschichte, die sich niemand von uns vorstellen kann, bis wir sie gemeinsam schreiben. Wahrheit ist das, was wir teilen.“ (S. 188/189)
„Ruinen der Wahrheit“ von Rob Wijnberg ist ein Buch, das einem die Augen öffnet, das Hoffnung macht und Zuversicht schenkt. Eines der wichtigen Bücher für diese Zeit!
Udo