Bundeskunsthalle Bonn: Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert

Nachdem es längere Zeit nicht möglich war, die Ausstellung „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen, konnten wir die Bundeskunsthalle jetzt unter Corona-Bedingungen besuchen. Konkret heißt das, man bucht ein Zeitfenster von einer Stunde, in dem man Zutritt hat, wobei es zur Buchung gehört, auch seine Daten zur Kontaktnachverfolgung anzugeben. Innerhalb des gebuchten Zeitfensters hat nur eine begrenzte Zahl an Besucher*innen Zutritt zu den Ausstellungsräumen.

 

Um es gleich zu sagen: Für die Hannah Arendt Ausstellung ist eine Stunde wenig Zeit. Es gibt viel zu sehen, zu hören und zu lesen. Wer das intensiv und in Ruhe machen möchte, wird mehr Zeit veranschlagen müssen. Wer mit Hannah Arendt bekannt ist, kommt mit einer Stunde ganz gut aus. Wobei man im Museum jetzt auch nicht die Sekunden zählt, dankenswerterweise wird mit der einen Stunde flexibel umgegangen.

 

Der Aufbau der Ausstellung orientiert sich an Hannah Arendts Leben. Geboren 1906 in Hannover-Linden, aufgewachsen in Königsberg, Studium in Marburg und dort die Liebesgeschichte mit Martin Heidegger, Promotion bei Karl Jaspers in Heidelberg, die Ehe mit Günther Stern/Anders, das Rahel Buch, Flucht vor den Nazis nach Frankreich, Emigration in die USA wo sie mit ihrem Totalitarismus Buch 1951 endgültig zu einer Denkerin von Weltrang wird.

 

 

Die Ausstellung lässt keinen wesentlichen Aspekt von Arendts Denken und Leben aus. Ihre Arbeit für die Jewish Cultural Reconstruction Corporation und die damit verbundenen Reisen ins Nachkriegsdeutschland wird dokumentiert, der Streit um das Eichmann Buch, die Lex Arendt zum Thema Wiedergutmachung, ihr seltsames Verhältnis zu den USA (Stichwort Little Rock) , ihre Sympathie für die Studentenbewegung in Europa, immerhin ist Daniel Cohn-Bendit ihr Neffe, oder ihr Verhältnis zum Feminismus, der ihr eher fremd war.

 

Freundschaften waren Arendt immer sehr wichtig, entsprechend werden die wichtigsten Menschen in ihrem Leben vorgestellt und porträtiert. Und es gibt einige persönliche Dinge zu sehen: ein Pelz Cape, ein Zigarettenetui, Schmuckstücke, ihre winzige Minox-Kamera und ähnliches. Es fehlt nichts. Wer durch die Ausstellung gegangen ist, kann Hannah Arendt fast schon abhaken, so exakt und vollständig ist das alles.

 

Dabei teilt sich die Ausstellung gewissermaßen in zwei Aspekte. Da ist zunächst einmal das bewegte Leben von Hannah Arendt. Das lässt sich gut belegen. Fotos, Dokumente, Bücher, Zeitschriften, Einordnung in die historischen Zusammenhänge etc.

 

Der zweite Aspekt aber, und da wird es spannend, ist, wie man die geistige Biographie Arendts ausstellt. Das geht manchmal ziemlich daneben, etwa wenn man zum Rahel Varnhagen Buch einen Salon des frühen 19. Jahrhunderts aufbaut. Es gelingt immer dort, wo man Zeugnisse von Arendt selbst ins Spiel bringt, vor allem Interviews aus Radio und Fernsehen. Und man hat Nischen aufgebaut, in denen man Ausschnitte aus Arendts Büchern anhören kann. Dazu gibt es einen kostenlosen Audioguide, den man sich vor Besuch der Ausstellung aufs Handy laden kann. Achtung also: Das Mitnehmen eines Kopfhörers empfiehlt sich!

 

Zentrales Dokument der Ausstellung ist das TV-Interview, das Hannah Arendt 1964 mit Günter Gaus in der Reihe „Zur Person“ geführt hat. 1964 hatte Arendt ihre wichtigsten Bücher geschrieben, der Streit um das Eichmann-Buch war im vollen Gange, insofern werden im Gespräch wesentliche Stationen von Arendts Leben und Denken angesprochen. In der Ausstellung taucht das Interview immer wieder mit kurzen Ausschnitten auf. Leider bleibt bei einem einstündigen Besuch kaum Zeit alle Dokumente in Ruhe anzusehen und anzuhören. Aber zum Glück kann man das Gaus-Interview in voller Länge bei YouTube hören. Im Internet findet man auch noch die Erinnerungen von Arendts Nichte Edna Brocke an die Tante. Und es gibt noch eine Kuratorinnenführung durch die Ausstellung.

 

Das sind willkommene Ergänzungen und Vertiefungen zur Ausstellung, die nach einem kurzen Besuch vor allem dann sinnvoll sind, wenn die Ausstellung die erste Begegnung oder intensivere Auseinandersetzung mit Hannah Arendt ist.

 

Im Piper Verlag ist schließlich noch ein lesenswerter Begleitband erschienen.

 

Udo

 

 

 

Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert

 

Ich bin eine Stunde durch dein Leben gegangen

Du bist ausgestellt

Was du berührt, geliebt und  ertragen hast

deine Halskette, deine Pelzjacke, dein Zigarettenetui

deine Menschen

deine Orte

dein Da-sein

ich kann dich hören und lesen

dein Denken

dein Ringen

dein Verstehen

sehe die Zeit mit deinen Augen

folge deiner klaren Analyse

ein großes Leben

von Hauch und Rauch durchzogen

 

Sabine

 

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