Welche Rolle spielt Philosophie heute? Dieser Frage geht Wolfram Eilenberger in seinem Essay „Die Gegenwart der Philosophie. Ein Wegweiser“ nach. Immerhin ist unsere Zeit nicht gerade einfach: Kriege, Klimawandel, das zunehmende Erstarken rechter politischer Kräfte. Sollte da die Philosophie nicht Wege weisen? „Welche Funktion erfüllt die Philosophie im Prozess kulturellen Werdens? Welches ist ihr spezifischer Einsatz im Gespräch der Menschheit? Ihre vorrangige Aufgabe?“ (S. 14)
Eilenbergers Ansatz in seinem Essay ist, dass die Philosophie einmal eine Rolle gespielt hat, es aber heute nicht mehr tut. Um die ehemalige Rolle der Philosophie zu belegen, führt er eine Reihe von klassischen Zitaten aus der Philosophiegeschichte an. Das reicht von Sokrates über Karl Marx bis Willard van Orman Quine.
„Denn von mir selbst wusste ich, dass ich gar nichts weiß. (Sokrates in Platons »Apologie«) …
Die Geschichte ist die Geschichte der Klassenkämpfe. (Karl Marx & Friedrich Engels) …
Sprache ist eine soziale Kunst. (Willard van Orman Quine)“ (S. 18/19)
All diese Sätze, so Eilenberger, haben „philosophische Kernsorgen“ des Einzelnen (das Selbst), der Gesellschaft (die Anderen) und der Kommunikation ausgedrückt. Das sei heute nicht mehr so. Eilenberger zitiert zum Beleg Michel Foucault:
„Es gab eine Zeit der zeitgenössischen Philosophie als ein philosophischer Text, eine philosophische Theorie uns letztlich sagen musste, was das Leben ist und was der Tod, was die Sexualität, ob Gott existiert oder Gott nicht existiert, was Freiheit ist, was im politischen Leben zu tun sei usw. Man hat den Eindruck, diese Philosophie kann es heute nicht mehr geben.“ (S. 15)
Woran liegt das? Eilenberger führt das vor allen Dingen zurück auf die universitäre Philosophie, und hier insbesondere die analytische Philosophie, die einen hohen Grad an Spezialistentum und Jargondichte aufweist. Philosophen an den Universitäten schreiben Texte, die sich mit so speziellen Problemen und Fragen befassen, dass sie maximal von fünf Personen gelesen werden. Verfasst werden diese Texte vor allen Dingen für Bewerbungsverfahren. Es ist eine Philosophie, die um sich selbst kreist. Wer hat wen gelesen und zitiert daraus? Wer hat bei wem promoviert und habilitiert? Antwort auf die Frage, wie man leben soll, findet man hier definitiv nicht.
Eilenberg Skepsis gegenüber der Universitätsphilosophie war schon in seinem letzten Buch „Geister der Gegenwart“ deutlich zu spüren. Darin behandelt er Denker und Denkerinnen wie Theodor W. Adorno, Susan Sonntag, Michel Foucault und Paul K. Feyerabend. Philosophen also, die alle eine bedeutende Karriere außerhalb der Universität gemacht haben und auf der Suche nach einer neuen Aufklärung waren.
Aber wie soll die aussehen? Eilenberger kommt hier zu einer geradezu heideggernden Antwort. Philosophie soll sich mit der Gegenwart auseinandersetzen. In „Gegenwart“ steckt „wart“ im Sinnen von „warten“, „Wartung“ so wie beim Platzwart etwa. Genau das, so Eilenberger, sei „die vorrangige Aufgabe und Funktion von Philosophen im Prozess des kulturellen Werdens (…): Philosophen warten ihre Gegenwart.“ (S. 97)
Das klingt großartig, sagt aber nicht mehr, als dass Philosophie sich mit der Gegenwart beschäftigen soll und nicht allein mit sich selbst. Es sollte um Themen wie Künstliche Intelligenz, Klimawandel, Krieg, das Recht des Stärkeren gehen – statt um die Rezeption Platons im Mittelalter.
Nur, wie kann das aussehen, nachdem Philosophie bis Mitte der 20. Jahrhunderts noch relevant war, sich dann aber, von der analytischen Philosophie herkommend, in sich selbst verstrickt hat? Eilenberger scheint hier so etwas zu sehen wie eine andere Dialektik der Aufklärung. Keine Aufklärung, die ihr Gegenteil hervorruft, wie das Horkheimer und Adorno beschrieben haben, sondern eine Aufklärung, die sich selbst höchst rational zu Fall bringt. Er schlägt deshalb eine Art neue Mystik vor. „Mystik, hier denkbar weit verstanden, als Weg hin zu Erfahrungen vollendeter Geistesgegenwart jenseits aller sozial anerzogenen Differenzierungsfähigkeiten, insbesondere begrifflicher Art.“ (S. 118) Eilenberger beruft sich auf Simone Weil, die er ja schon in „Feuer der Freiheit“ von 2020 vorgestellt hatte. Man kann diesen Ansatz belächeln als eine neue Art der heideggerschen Frömmigkeit des Denkens. Aber zu fragen ist doch auch, ob wir die Wirklichkeit tatsächlich erfassen, wenn wir das ausschließlich rational tun wollen. Ist Rationalität nicht nur die eine Seite? Gibt es da nicht noch etwas anderes? Müssen wir zum Beispiel im beim Thema Klimakrise mit einbeziehen, dass wir Teil der Natur sind und diese Einheit neu zu erfassen suchen. Ich denke hier z. B. an Bede Griffiths großen Ansatz in „Die Hochzeit von Ost und West“. Würde das Philosophie wieder relevant machen? Ich jedenfalls freue ich mich darauf, wie Eilenberger nach diesem lesenswerten Essay weiterdenken und -schreiben wird.
Wolfram Eilenberger: Die Gegenwart der Philosophie. Ein Wegweiser, Klett-Cotta, Stuttgart 2026.
Udo